09.10.2015

Sterbehilfe, Sterbebegleitung – eine Gewissensentscheidung, nicht nur für Politiker

Kreuzwertheim: „Viel Interesse für ein schwieriges Thema“, unter diesem Motto lässt sich die Veranstaltung des CSU-Ortsverbandes Kreuzwertheim vom 08.10. zusammenfassen. Der Ortsverband hatte unter dem Titel „Sterbehilfe, Sterbebegleitung – eine Gewissensentscheidung, nicht nur für Politiker“ zu einer Podiumsdiskussion mit hochkarätigen Gästen in das Fürstin-Wanda-Haus in Kreuzwertheim geladen.

Die circa 100 interessierten Zuhörer wurden zu Beginn von der Vorsitzenden Isolde Franz begrüßt, ehe diese an den Retzbacher Bundestagsabgeordneten Alexander Hoffmann übergab, der in einem Kurzvortrag näher auf die aktuelle gesetzliche Regelung und die seit Ende Juni in den Bundestag eingebrachten vier Gesetzesentwürfe einging. Hoffmann war zu Beginn die Unterscheidung zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe wichtig. Die passive Sterbehilfe werde in Zukunft nach allen vorgelegten Gesetzesentwürfen erlaubt sein. Diese umfasst beispielsweise die Beendigung lebenserhaltender Maßnahmen wie das Abstellen einer Beatmungsmaschine oder der künstlichen Ernährung. Hierzu wurden in den vergangenen Jahren laut Hoffmann vernünftige Lösungen hinsichtlich der Patientenverfügung getroffen. 
Die aktive Sterbehilfe ist Gegenstand der vier Gesetzesentwürfe. Aktive Sterbehilfe bedeutet die Assistenz bei einem Suizid, sei es durch das zur Verfügung stellen eines tödlichen Medikamentes oder anderer, aktiver Hilfe zu einem Suizid. Kernfrage der aktuellen Debatte ist, ob, und wenn ja, in welchem Rahmen dies gestattet sein soll. Die aktuelle rechtliche Lage sieht keine Regelung zur aktiven Sterbehilfe vor.
Hoffmann erörterte im Anschluss die Unterschiede der Anträge. Diese erstrecken sich vom gänzlichen Verbot der aktiven Sterbehilfe, einer ausdrücklichen, bundesweiten Erlaubnis zur Sterbehilfe für Ärzte (je nach Landesärztekammer ist Ärzten die aktive Sterbehilfe erlaubt oder verboten, hier soll eine bundeseinheitliche Regelung gefunden werden) über das Verbot von Sterbehilfeorganisationen jeglicher Art hin bis zum Verbot der gewinnorientierten Sterbehilfe durch Organisationen.
Hoffmann verdeutlichte, dass ihm vor allem wichtig war, dass alle Möglichkeiten diskutiert werden und berichtete von einzigartigen Debatten im Bundestag, die über Parteigrenzen hinweggeführt werden. Auch wurde im Rechtsausschuss, in dem er Mitglied ist, eine Expertenanhörung durchgeführt, in der das Für und Wider der aktiven Sterbehilfe emotional, aber von politischer Färbung losgelöst diskutiert wurde. Er selbst sei sich noch nicht ganz sicher, für welchen Entwurf er stimmen würde und möchte die Zeit bis zur Abstimmung intensiv nutzen, um sich ein möglichst umfassendes Bild vom pro und contra der einzelnen Entwürfe zu machen.
Nach diesem einführenden Vortrag übernahm die zweite Vorsitzende des CSU-Ortsverbandes, Nina Bruckner, die Moderation der Veranstaltung und begrüßte neben Hoffmann weitere Gäste zu einer Podiumsdiskussion. Die Diskussionsteilnehmer waren: Dr. Wilhelm Freiherr von Lamezan (Palliativmediziner), Holger Merklein (Notar), Klaus Betschinske (ev. Geistlicher), Dieter Hammer (Kath. Geistlicher), Dr. Ingrid Glück (Ärztin und Psychotherapeutin in der Hospizversorgung) .Die Zusammensetzung der Gäste sollte die Behandlung medizinischer, seelsorgerischer, rechtlicher und auch moralischer Gesichtspunkte bewerkstelligen, was auch gelang.
Dr. von Lamezan und Dr. Glück informierten über ihr Wirken in der Begleitung todkranker Menschen und stellten gleichsam Forderungen an die Politik, mehr Mittel zur Verfügung zu stellen. Denn mehr Mittel würden mehr Zeit für die Betreuung bedeuten, diese sei das wichtigste für die Begleitung von Sterbenden. Hoffmann versprach diese Forderung mit nach Berlin zu nehmen und hob hervor, dass sich auch alle Gesetzesentwürfe in dieser Forderung, nämlich dem Ausbau der Palliativ- und Hospizversorgung, einig sind. 
Auch die beiden Seelsorger Betschinske und Hammer schilderten Ihre Erfahrungen aus der Sterbebegleitung und äußerten sich vor allem gegenüber sogenannten Sterbehilfeorganisationen kritisch. Sie griffen dabei auch eine Stimme aus dem Publikum auf, die verdeutlichte, dass ihr die bloße Existenz eines Vereines, dessen Aufgabe es ist, Leben zu beenden, Angst mache.
Zwischen den Beiträgen der Teilnehmer auf dem Podium gab es auch immer wieder zum Teil beeindruckende Wortmeldungen aus dem Publikum. Dort meldeten sich Gäste zu Wort, die teilweise in der Sterbebegleitung tätig waren oder noch sind und schilderten ihre Erfahrungen und die daraus resultierende Haltung zu den Anträgen. Diese reichten von der generellen Erlaubnis der aktiven Sterbehilfe bis zum Verbot. 
Notar Holger Merklein beleuchtete in seinen Beiträgen die aktuelle Situation und die vier Gesetzesentwürfe aus rechtlicher Sicht und kam zu dem Schluss, dass er sich aus diesem Blickwinkel mit keinem der Anträge wirklich wohl fühlen würde. Ihm wiederstrebe allerdings auch die Existenz der zuvor angesprochenen Vereine, die nun einmal nach aktueller Regelung legal seien.
Zum Abschluss befragte die Moderatorin Nina Bruckner die Diskussionsteilnehmer zu den jeweils bevorzugten Anträgen. Hier wurde auch wieder deutlich, wie schwierig eine endgültige Festlegung auf eine griffige Regelung ist. Keiner der Teilnehmer wollte sich eindeutig für einen Antrag aussprechen, jeder hatte Verständnis für verschiedene Herangehensweisen. Lediglich die kommerzielle Sterbehilfe stieß auf generelle Ablehnung, ebenso hatten auch nichtkommerzielle Sterbehilfeorganisationen einen schweren Stand. Einigkeit herrschte auch bei der Forderung nach einem Ausbau der Palliativ- und Hospizversorgung, um Sterbenden ein menschenwürdiges Sterben ohne große Schmerzen zu ermöglichen. 
Abschließend bedankte sich Nina Bruckner bei den Diskussionsteilnehmern und überreichte zusammen mit Isolde Franz jeweils einen Tropfen aus der Region an die Gäste auf dem Podium. Alle Anwesenden konnten eine Diskussion verfolgen, die emotional aber sachlich war und ein Thema behandelte, mit dem jeder früher oder später in Kontakt kommen wird. Man darf auf die weitere politische Diskussion gespannt sein, deren Fortsetzung und abschließende Behandlung für Anfang November im Bundestag geplant sind.